Die kurze Antwort
Messbare Setzung ist kein Randphänomen. In der deutschen EGMS-L3-Gesamtheit liegen 672.642 von 10.799.763 Punkten bei mindestens 2 mm/a negativer Vertikalbewegung. Das sind 6,23 %. Der rote Bereich ab 5 mm/a betrifft 100.738 Punkte, also 0,93 %.
Das klingt klein, ist aber für den Hauskauf relevant: In normalen Großstadtlagen ist die Verteilung nicht gleichmäßig. In unserem Kontrollpanel liegen Hamburg (7,93 %) und Karlsruhe (7,28 %) deutlich über Berlin (0,86 %), Dresden (0,55 %) oder Augsburg (0,50 %).
7,93 %
Warum dieser Artikel anders ist als die Bergbau-Auswertung
Unsere frühere Bergbau-Analyse war absichtlich auf Regionen mit historischer oder aktiver Rohstoffförderung zugeschnitten. Genau dort sind extreme Bodenbewegungen erwartbar. Für die Käuferfrage ist aber eine andere Perspektive hilfreicher: Was sieht man in normalen urbanen Lagen, wo niemand beim Besichtigungstermin zuerst an Bergbau denkt?
Deshalb enthält das Stadtpanel keine Ruhrgebiets-Fallstudien wie Essen, Bochum, Dortmund oder Bottrop und keine Lausitz-Orte wie Cottbus. Es ist kein Ranking “der gefährlichsten Städte”, sondern eine robuste Vergleichsprobe: viele Messpunkte, bebauter urbaner Kontext, gleiche Schwellenwerte.
Die Stadtwerte
| Stadtfenster | n Punkte | Setzung 2-5 | Setzung >5 | Setzung ab 2 | Median mm/a |
|---|---|---|---|---|---|
| Hamburg | 24.343 | 7,25 % | 0,68 % | 7,93 % | -0,6 |
| Karlsruhe | 6.987 | 7,14 % | 0,14 % | 7,28 % | -1,3 |
| Münster | 6.706 | 3,31 % | 0,19 % | 3,50 % | -1,2 |
| Erfurt | 4.915 | 3,21 % | 0,20 % | 3,42 % | -1,1 |
| Bremen | 10.199 | 3,11 % | 0,19 % | 3,29 % | -0,6 |
| Mannheim | 8.469 | 3,09 % | 0,12 % | 3,21 % | -1,1 |
| Frankfurt am Main | 13.512 | 2,83 % | 0,29 % | 3,12 % | -0,8 |
| München | 22.960 | 2,20 % | 0,06 % | 2,26 % | -0,3 |
Der rissrelevante Blick: nicht nur Setzung, sondern Unterschied
Für Mauerwerk zählt nicht nur, ob ein Quartier insgesamt langsam absinkt. Kritischer ist die differenzielle Bewegung: Ein Messpunkt sinkt, ein benachbarter bleibt stabil oder bewegt sich anders. Genau diese Spannweite ist näher an der Frage, warum Risse an Fenster- und Türöffnungen entstehen können.
Dafür haben wir die Stadtpunkte in 250-m-Zellen aggregiert. Eine Zelle zählt als auffällig, wenn mindestens drei Punkte vorhanden sind, die Spanne der Vertikalraten mindestens 3 mm/a beträgt und mindestens ein Punkt Setzung ab 2 mm/a zeigt. Das ist bewusst ein Screening-Indikator: nah genug für Nachbarschaft, aber nicht so kleinteilig, dass einzelne Streuer die Analyse dominieren.
181 Zellen
Was dahinterstehen kann
EGMS sagt nicht automatisch, warum sich ein Punkt bewegt. Die plausible Mechanik hängt von Lage und Untergrund ab: organische Weichschichten, Hafen- und Marschflächen, Grundwasseränderungen, lokale Auffüllungen oder quell- und schrumpffähige Böden. Das LGRB beschreibt für tonige Böden den Volumenwechsel mit Wassergehalt: Austrocknung führt zu Schrumpfung, Wiederbefeuchtung zu Quellen. Das ist für saisonale Bewegungen und Rissbilder besonders relevant.
Versiegelung ist dabei doppelt wichtig: Erstens sind EGMS-Punkte im urbanen Raum oft gerade deshalb messbar, weil Dächer, Straßen und andere harte Oberflächen stabile Radar-Streuer liefern. Zweitens verändert Versiegelung die Wasserbilanz. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass versiegelter Boden Regenwasser nur erschwert versickern lässt.
Methodik in fünf Sätzen
Wir nutzen `egms_points`, Release 2020-2024, Land `DE`. Setzung ist hier eine negative Vertikalrate: gelb von -2 bis -5 mm/a, rot unter -5 mm/a. Das Stadtpanel nutzt Radien um die Innenstadt, um bebaute urbane Lagen zu treffen und ländliche Randflächen zu reduzieren. Für differenzielle Bewegung werden die Punkte in 250 m-Zellen im EPSG:25832-Raster zusammengefasst. Die vollständigen SQLs und CSVs liegen intern unter docs/pr/methodik/egms_setzung_hauskauf_*.
Die ehrlichen Grenzen
Erstens: EGMS misst nicht das Fundament, sondern Radar-Streuer an der Oberfläche. Zweitens: ein Stadt-Radius ersetzt keine amtliche Stadtgrenze und keinen Grundstückszuschnitt. Drittens: die Punktdichte ist in bebauten Lagen besser als in Vegetation, Wasserflächen oder stark veränderten Oberflächen. Viertens: die L2b-Zeitreihen sind für Einzelfalltiefe wertvoll, wurden für diesen Artikel aber nicht deutschlandweit neu ausgewertet, weil die Blogfrage mit L3 reproduzierbarer und schneller beantwortet wird.
Die korrekte Nutzung ist deshalb: als Frühwarn- und Vergleichsebene vor dem Kauf. Wenn ein Haus Risse zeigt und die Umgebung zugleich gelbe oder rote EGMS-Setzung oder lokale Divergenzen aufweist, ist das ein starker Grund für vertiefte Prüfung der Bauakte, früherer Sanierungen und des Baugrunds.
Was Käufer daraus mitnehmen sollten
Ein Riss ist kein Datenpunkt. Aber ein Riss plus aktive Setzung in der Umgebung ist ein anderes Signal als ein alter Haarriss in stabiler Lage. Genau hier liegt der Wert des Screenings: Es sortiert die Besichtigung nicht nach Bauchgefühl, sondern nach messbarer Bewegung der letzten Jahre.
Für Hamburg und Karlsruhe heißt das nicht, dass “jedes Haus problematisch” wäre. Es heißt: In den untersuchten Stadtfenstern ist der Anteil messbarer Setzung hoch genug, dass man Bodenbewegung bei Rissbildern nicht als exotische Erklärung abtun sollte. Für Berlin, Dresden oder Augsburg ist das Grundsignal niedriger, aber auch dort gibt es einzelne Divergenz-Zellen.
Datenquelle: Copernicus EGMS L3 Ortho Vertical 2020-2024. Generated using Copernicus EGMS information.